..................................................................................................................................................................... Das Rätsel der rheinhessischen "Heidentürme":
Siegeszeichen und Mahnmale der Kreuzfahrer
"Forschung heute" , Jens Frederiksen Wormser Zeitung, Samstag, den 13. Dezember 2003.
Orientalische Kuppeln auf rheinhessischen Kirchtürmen - und dann auch noch aus dem hohen Mittelalter! Der Laie wundert sich ... und der Fachmann auch. Das Phänomen freilich ist bekannt, hat dem Volksmund längst die Benennung “Heidentürme" entlockt. Dennoch: Sie sind umweht von der Aura des Rätselhaften. Im Zuge umfangreicher Renovierungsmaßnahmen sind jetzt aber Untersuchungen an alten Bau- und Stützhölzern möglich geworden - und plötzlich beginnt sich der Nebel zu lichten.Vier Sakralbauten zwischen Worms und der Rheinschleife am Küh-kopf präsentieren auf romanischem Türm eine zumindest im deutschen Kulturraum einzigartige Bekrönung aus verschachtelten Giebeln und wunderlichen kleinen Kuppeln - Miniatur-Ausgaben jener Zentralbauten, die jeder arabischen Altstadt ihre unverkennbare Prägung geben.
St. Paul in Worms macht für denjenigen, der von Süden kommt, den Anfang; ein kleines Stückwestlich im rheinhessischen Hügelland stößt man in Dittelsheim auf den nächsten dieser Türme; Alsheim dann weist auf wuchtigem Unterbau zwar eine nur mit viel Phantasie in die übrige Reihe zu zwingende Variante vor; aber Guntersblum macht mit dem Nordturm der heute evangelischen Kirche St. Viktor den spektaku-lären Abschluss. Wie Perlen auf einer imaginären Schnur säumen diese befremdlichen Konstruk-tionen die rheinhessische Ostgrenze zum Rhein hin. Doch woher kommen sie? Wer errichtete sie? Worin besteht ihre Bedeutung? Die Historiker haben stets eine Verbindung zu den Kreuzzügen her-gestellt - zumeist zum zweiten, den Bernhard von Clairvaux 1146 in Vezelay ausrief und der kläglich scheiterte, gelegentlich aber auch zum dritten, an dem Friedrich Barbarossa und Richard Löwenherz teilnahmen. Nur die Eindrücke aus dem Heiligen Land, so der Grundgedanke dieser Spekulationen, können diese Architek-turformen inspiriert haben. Offen blieb den-noch die Frage, wel-chem Zweck sie dienten -und offen blieb auch die exakte Datierung Beide Geheimnisse sind jetzt gelüftet:
Im Zusammenhang mit einer Renovierung der Türme von St. Paul in Worms konnte der Leiter der kirchlichen Denkmal-pflege im Bistum Mainz, der Dom- und Diözesankonservator Hans-Jürgen Kotzur jetzt durch eine wissenschaftliche Unter-suchung der hölzernen Zuganker in den beiden Turmaufsätzen die Entstehung auf die Zeit zwischen 1100 und 1105 für den Südturm und auf die Jahre 1107 und 1108 für den Nordturm festlegen.
Und Folgeuntersuchungen an den orientalischen Turmhelmen in Dittelsheim und in Guntersblum wiesen auf eine frappierende zeitliche Übereinstimmung, so dass nunmehr in allen drei Fällen die Zeit zwischen 1100 und 1110 zuverlässig für das Aufmauern der orientalischen festgeschrieben werden kann. Das aber bedeutet, dass zwischen Worms und Mainz Anfang des 12. Jahrhunderts an drei Orient-Projekten zeitgleich gearbeitet wurde - ein ebenso bemerkenswerter wie absonderlicher Boom. Nur für Alsheim liegen keine Ergebnisse vor - dort hat kein Holz die Jahrhunderte überdauert. Die neue Datierung, die die bisher für Dittelsheim angenommene Jahreszahl 1144 hinfällig macht, hat nun aber auch erhebliche Bedeutung für den Symbolgehalt dieser Architekturen. Der erste Kreuzzug war 1099 mit der Einnahme Jerusalems durch das Christenheer zu Ende gegangen - und im Hochgefühl des Triumphes, so Hans-Jürgen Kotzur, hätten die Rückkehrer ihre Erinnerungen an das Heilige Land in architektonische Formen umgegossen. Doch die Turmaufsätze seien zugleich auch als Mahnung gemeint gewesen - als Mahnung, nicht nachzulassen im Kampf gegen die Seldschuken. Denn nach Abzug der Speerspitze des Kreuzfahrerheeres waren in Jerusalem so wenig christliche Recken verblieben, dass jederzeit die Rück-eroberung durch die "Heiden" befürchtet werden musste. Die rheinhessischen Heidentürme" waren somit Siegeszeichen und Mahnmale in einem. Und sogar auf die architektonischen Vorbilder ist Kotzur gestoßen, hat sie in armenischen Zentralbauten einerseits und fatimidischen, also ägyptischen Moscheen und Mausoleen des 11. Jahrhunderts andererseits ausgemacht. Ein Rätsel der Architekturgeschichte ist damit wahrscheinlich zuverlässig gelöst.
Dass diese Erkenntnisse auch noch im Vorfeld der großen Kreuzritter-Ausstellung gelangen, die ab April 2004 im Mainzer Dom- und Diözesanmuseum geplant ist, gehört zu jenen glücklichen Zufällen, ohne die wissenschaftliche Forschung manchmal nicht vorankommt.
Publiziert sind sie im Doppelheft III-IV/2003 der Zeitschrift “Lebendiges Rheinland-Pfalz", das von der Landesbank Rheinland-Pfalz herausgegeben wird.
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